
Quelle: Kurseelsorge Bad Krozingen
Gott … suche
Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf! (Psalm 69,33)
Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf! (Psalm 69,33)
Von Martin Buber, dem jüdischen Religionsphilosophen, stammt folgende Geschichte:
Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit anderen Kindern Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn die anderen suchten. Als er schon lange gewartet hatte, kam er schließlich aus seinem Versteck; aber die anderen waren nirgends mehr zu sehen. Da merkte Jechiel, dass die anderen Kinder ihn von Anfang an gar nicht gesucht hatten. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über die bösen Spielverderber. Da flossen auch Rabbi Baruch die Augen über und er sagte: „So spricht Gott auch: ‚Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.’“
(M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1984, 191).
Diese Geschichte von Martin Buber berührt: das schmerzliche Erlebnis des Enkels – nämlich dass nach ihm nicht mehr gesucht wird. Und Rabbi Baruch überträgt dies auf Gott und es bewegt ihn zu Tränen.
Zum einen: Gott wirkt im Verborgenen und sehnt sich danach, dass die Menschen sich aufmachen, IHN zu suchen und zu entdecken. Doch kann der Mensch IHN finden – „finden“ im Sinne von: „Jetzt hab ich ihn.“?
Gott ist nicht zu „haben“; als ob – wenn ich ihn gefunden habe – ich mich ausruhen kann: „Ich hab ihn ja. Jetzt brauch ich ihn nicht mehr zu suchen.“
Vielmehr ist ER ein Gott, der sich uns wieder entzieht, wenn wir meinen, IHN gefunden zu haben.
Zum anderen: diese Geschichte will uns aufzeigen, dass Gott uns sucht. Ja, Gott macht sich auf den Weg, weil ER sich nach uns sehnt. Er will uns nahe sein.
Rechnen wir überhaupt damit? Glauben wir, dass ER nach uns sucht und sich nach uns sehnt – egal wie wir uns IHM gegenüber verhalten (haben); egal, ob wir uns von IHM abgewandt haben? Wie oft hat das Volk Israel einen anderen Weg eingeschlagen, sich von IHM abgewendet, ja IHN und seine Befreiungstat aus der Sklaverei in Ägypten „einfach“ vergessen? Und sind wir ebenfalls einen solchen Weg gegangen wie das Volk Israel – nur unseren eigenen Weg im Blick und das Befreiende „einfach“ vergessen?
So lade ich Sie ein, einen Moment innezuhalten und im Blick auf diese Geschichte von Martin Buber sich zu fragen:
spüre ich manchmal den Wunsch, diesen verborgenen Gott zu suchen – und:
bleibe ich offen für IHN, der sich nach mir sehnt und mich sucht?
P. Edwin Rombach SCJ

